Yoga für Christen

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Im Folgenden handelt es sich um einen Text von dem Schönstatt-Pater und Yogalehrer Markus Thomm, der sich mit dem Thema Yoga für Christen auseinandersetzt.

Inhaltsverzeichnis

Yoga für Christen - Geht das überhaupt?

Vorüberlegungen

Ich denke, mit Paulus, der sagt: „Prüft alles und behaltet das Gute“ (1Tess 5,21) darf man den Blick über den eigenen Horizont wagen, solange man in der eigenen Identität entsprechend verwurzelt ist. Es geht also nicht darum hinduistische Glaubensvorstellungen neben christliche zu stellen und dann wertneutral zu vergleichen; sondern die eigene Beheimatung im Christlichen ist Ausgangspunkt und auch Ziel der Entdeckungsreise. Die eigene Identität beinhaltet für uns Christen das christliche Gottesbild mitsamt den damit gegebenen Implikationen bezüglich Welt- und Menschenbild, Geschichtlichkeit und Erlösungsvorstellung. Das ist also der Glaube an einen personalen Gott, der die Welt aus dem Nichts geschaffen und ins Dasein gebracht hat und in diesem Sinn von ihr völlig verschieden ist, jenseitig und transzendent. Er setzt sich jedoch zu ihr in Beziehung als Gott der Geschichte, der mit dem Menschen, den er als sein Abbild geschaffen hat (Gen1,27), einen Bund schließt (Gen 6,18). Dieses Sich-Einlassen auf die Geschichte des Menschen und der Welt erreicht seinen Höhepunkt, indem Gott sich in Jesus Christus inkarniert und Mensch wird, um die Welt zu erlösen. Diese Erlösung ist uns durch seine Hingabe am Kreuz und seine Auferstehung endgültig geschenkt worden. Da hat weder Selbsterlösung noch Reinkarnation mehr Platz, sondern durch Gottes Gnade wird uns dazugeschenkt, was wir aus eigenen Kräften noch nicht zu vollbringen in der Lage sind.

Praktischen Konsequenzen für eine mögliche christliche Yoga-Praxis

Wie eine Kniebeuge in sich noch wertneutral ist und erst ihre Ausrichtung bekommt, je nachdem, ob ich sie in gläubiger Verehrung vor dem Tabernakel oder vor dem Bild einer Hindugottheit mache, so kann ich den Reichtum der Körperübungen, die uns aus dem Hinduismus bekannt sind, nehmen und sie in den christlichen Kontext stellen. Das heißt, im christlich verstandenen Yoga - oder anders ausgedrückt, in christlich ausgerichteten Körperübungen – ist der Körper nicht Gefängnis der Seele sondern Gefäß des Heiligen Geistes. Ich lasse also alle Interpretationen, und Erklärungen aus dem Hinduismus beiseite. Schließlich habe ich keinen hinduistischen Körper, der dann natürlich durch hinduistisches Gedankengut zu erklären wäre; sondern mein Körper ist einfach ein menschlicher Körper. Mit diesem Körper stehe ich in der christlichen Glaubenstradition und vollziehe meine persönliche Beziehung zu meinem christlichen Gott. In Gesten der Verehrung verehre ich Jesus Christus. Wenn ich mit den Übungen sich wiederholende Gesänge verbinde, dann sind das nicht Hindu-Mantren, sondern z.B. Taizé Rufe oder auch Anrufungen aus dem Jesusgebet. Schließlich hat ein christlicher Yoga für mich die Chance und den tiefen Sinngehalt, christliche Grundhaltungen einzuüben. Christliche Grundhaltungen das sind z.B. Haltungen wie Hingabe, Schenken, Gott gegenüber wie ein Kind zu vertrauen, für Gottes Anruf offen zu sein wie eine Schale, die Grundhaltung von Lob und Dankbarkeit usw. So spielt sich die eigene Gottesbeziehung nicht nur im Geistigen ab, sondern wir können ganz bewusst das Geschenk des eigenen Körpers entfalten mit seinen wunderbaren Ausdrucksmöglichkeiten um einstimmen in das Lob Gottes. Wenn es uns dann hinterher auch körperlich noch besser geht als vorher – was kaum zu vermeiden ist – dann mag das ein zusätzliches Geschenk sein, nach dem Motto: Sucht zuerst das Reich Gottes und alles andere wird euch dazugeschenkt. Ich glaube, ein so verstandener christlicher Yoga kann niemanden von Christus wegbringen, sondern ist geeignet, die Freude am eigenen Glauben in sehr ganzheitlicher Weise zu erleben und zu vertiefen.

Übungen

Kreis des Herzens

Kreis des Herzens
Kreis des Herzens

Der "Kreis des Herzens" wird im Fersensitz ausgeführt. Er ist eine sehr ruhige Übung. Der Atem fließt gelöst und gleichmäßig. Die Ellenbogen liegen entspannt am Oberkörper an, während die Unterarme waagerecht nach vorne gerichtet sind und in die in empfangender Haltung nach oben geöffneten Handflächen münden. In der Vorstellung ruht ein großer Kreis auf den Händen. Langsam tasten die Hände nun den vollen Umfang des Kreises ab, bis sie sich hoch über dem Kopf treffen und langsam in entgegengesetzter Bewegung zurück in die Ausgangsstellung finden. Wie der Kreis symbolisch für das geistige Herz steht, das anderen Menschen in sich einen Raum gewährt und Geborgenheit schenkt, so kann sich der Übende geistig mit Menschen seines Bekanntenkreises verbinden, während er den Kreis abtastet. Dabei spürt er den Empfindungen nach, die bei diesem Vorgang im Blick auf eine bestimmte Person aufsteigen. Entsprechend der Verschiedenheit menschlicher Beziehungen kann die Bandbreite von Abwehrgefühlen bis hin zu geistiger Umarmung führen. Der Schwerpunkt dieser Übung liegt weniger auf spannkräftigem Einsatz sondern vielmehr auf dem Wachstum der Sammlung, der Sensibilisierung und tieferer Wahrnehmung. Es entfaltet sich ein Erleben, das immer stärker den Bereich des Unterbewussten erreicht. So erreicht diese Übung ähnliche Tiefen, wie das Autogene Training, wo aufgrund der schrittweisen Entspannung mehr und mehr ein Körperbewusstsein geschaffen wird und in der Ruhe der Entspannung schließlich das Unterbewusstsein und symbolisches Erleben zugänglich werden. Befindet sich der Übende bereits in der angesprochenen sensiblen Sammlung und Wahrnehmungsfähigkeit, so wird er bei der Vergegenwärtigung einer ihm bekannten Person sehr deutlich sein Verhältnis zu ihr auf der emotionalen Ebene wahrnehmen und unmittelbar erleben können. Durch dieses Anschauen, Wahrnehmen und Zulassen wird eine Vertiefung der inneren Verbundenheit bzw. das Verarbeiten von Spannungen und Konflikten möglich. Hier wird in besonders unmittelbarer Weise die soziale Dimension christlicher Asanas deutlich. Es handelt sich bei dieser Übung um aktive Beziehungsarbeit, unter Umständen sogar um existentielle Konfliktbearbeitung, die bis auf die Ebene des Unterbewusstseins einwirkt und damit elementar verändernd sein kann. Die christlich geforderte Praxis der Versöhnung kann hier in einer den ganzen Menschen erfassenden Weise geübt werden bzw. ihren entscheidenden Ausgangspunkt für entsprechende Gespräche und Handlungen nehmen. "Wenn du deine Gaben zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, (...) dann geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder"(Mt 5,23). Christliche Meditation und Kontemplation ist nicht ein Zurückziehen auf die einsame Insel des eigenen Ich, sondern steht immer in einem sozialen Rahmen. "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Mk 12,31; Lev 19,18). "Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40). Ganz abgesehen davon tauchen tiefenpsychologisch die sozialen Konflikte in der Kontemplation, wo Verdrängungsversuche hinfällig werden, sowieso wieder auf. Damit ist dieses innere Sich-Aussöhnen ein wichtiger Schritt, um tiefe Ruhe und Kontemplation zu ermöglichen, was überhaupt die letzte Zielrichtung der Asanas ist.

Die Waage

Die Waage
Die Waage

Aus dem aufrechten Stand werden beide Arme gestreckt über den Kopf geführt, wobei sich die Handflächen berühren. Nachdem das Gewicht des Körpers ganz auf den rechten Fuß verlagert wurde, wird das linke Bein gestreckt nach hinten in die Höhe geführt, während zugleich der Oberkörper, verlängert durch die gestreckten Arme nach vorne in die Waagerechte gebracht wird. Die Konzentration richtet sich auf die Wahrnehmung des Körpers in der Hüftgegend, dem Drehpunkt und Zentrum der Bewegung. Diese Übung erfordert und fördert eine große innere Ausgeglichenheit sowohl was den emotionalen Bereich angeht wie auch im Blick auf das Verhältnis von Denken und Körperwahrnehmung. Wer in Gedanken verhaftet oder gar abgehoben ist, wird das Gleichgewicht dieser Übung kaum halten können. Erst wenn die Fixierung der Gedanken gelöst wird und die Körperwahrnehmung sich stärker entfaltet, gelingt ein müheloses, sicheres Stehen in dieser Haltung. Das gedankliche Hinterfragen, ob das Gleichgewicht wohl gelingt, will ersetzt werden durch eine nicht mehr hinterfragende, sondern sorglose, kindlich vertrauende Haltung. "Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet ...“ (Mt 18,3). „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, (...). Euch jedoch muss es um sein Reich gehen­; dann wird euch das andere dazugegeben." (Lk 12,22-31)

Literatur

  • Thomm, Markus - Spiritualität mit Leib und Seele: Yoga für Christen, Patris Verlag, ISBN: 3-87620-264-7

Weblinks

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