Meditation zum Thema Leben und Sterben
Aus Gruppenleiter Wiki
Verbemerkung
Diese Meditation kann sehr starke emotionale Wirkungen hervorrufen. Dies sollte vorher auch angekündigt werden. Wer beispielsweise gerade einen Todesfall im engeren Bekanntenkreis erlebt hat und sich der Sache nicht gewachsen fühlt, sollte besser nicht daran teilnehmen.
Meditation
Um das Leben zu sehen wie es wirklich ist, hilft nichts so sehr wie die Tatsache des Todes. Ich stelle mir vor, heute noch würde mein Leben zu Ende gehen. Ich nehme im Geiste an meinem Begräbnis teil... Ich sehe meine Leiche im Sarg… Ich rieche die Blumen und den Weihrauch… Ich verfolge jede Einzelheit des Begräbnisses...
Mein Blick gleitet flüchtig über die Trauergemeinschaft. Wer ist alles anwesend? Jetzt verstehe ich, wie kurz die Zeit bemessen ist, die sie selber noch vor sich haben... - nur wissen sie es nicht... Gerade jetzt sind sie ganz auf mich eingestellt – nicht aber auf ihren eigenen Tod.
Dies ist heute mein Auftritt – mein letzter großer Auftritt auf Erden. Ich höre zu, was der Priester in seiner Ansprache über mich sagt... Und wie ich die Gesichter in der Versammlung beobachte, merke ich zu meiner Genugtuung, dass ich vermisst werde. Ich hinterlasse eine Lücke in den Herzen meiner Freunde. Es ist aber auch ernüchternd zu sehen, dass da in der Menge auch Leute stehen, die erleichtert sind, weil ich gestorben bin. Was würde ich anders machen? Ich gehe im Trauerzug zum Friedhof… Ich sehe die Gruppe schweigend am Grab stehen, während die letzten Gebete gesprochen werden. Ich sehe, wie der Sarg ins Grab hinuntergelassen wird. Ich denke nach, wie gut dieses Leben war... mit all seinem Auf und Ab... den spannenden und eintönigen Zeiten... den Erfolgen und Enttäuschungen... Ich bleibe am Grab stehen – und rufe mir einzelne Lebensabschnitte ins Gedächtnis... während die Leute wieder nach Hause gehen zu ihrer täglichen Arbeit, zu ihren Wünschen und Sorgen... - Pause -
Was bleibt bestehen von meinem Leben? Heute ein großer Auftritt, morgen, in 10 Jahren oder noch später? Was bleibt bestehen? Mein Körper – Staub meine Ehre – vergessen meine Freunde – sie haben neue Freunde gefunden mein Erfolg – wertlos
Doch eine einzige Tat der Liebe wirkt fort, zieht weite Kreise, wie die Wellen auf dem Wasser. An den Stein – der ich bin – denken viele nicht mehr, doch die Wellen pflanzen sich fort. Ein gutes Gespräch, mit dem ich einen Menschen aufrichten durfte. Die Liebe, die ich über Jahre meinen Kindern geschenkt habe. Ohne diese Liebe wären die mir Anvertrauten nie geworden, was sie sind. Die Liebe, die ich meinen Mitmenschen geschenkt habe – meinen Kindern, meinem Ehepartner, dem Kollegen, vielleicht einem wildfremden Menschen, sie lebt weiter in den Herzen, sie schafft neues Leben. Sie ist die wahre Speise, von der wir Menschen leben. Und sie pflanzt sich fort, durch mein gutes Wort. Vielleicht war es mein froher Gruß, durch den der Busfahrer an der nächsten Haltestelle noch auf jemanden wartete, obwohl es schon Zeit zur Abfahrt war. Der Mitgenommene, ganz glücklich, den Bus nicht verpasst zu haben, geht mit frohem Herzen in den Tag, schenkt weiter von der Liebe: im Büro, am Telefon, gegenüber Kunden, dem Vorgesetzten, den Untergebenen. Es ist eine nicht endende Kette von kleinen und kleinsten Liebestaten, sie pflanzen sich fort, schenken Liebe wo Gleichgültigkeit war, Lächeln wo Traurigkeit war, Licht wo Dunkel war. In dieser Liebe lebe ich fort – in ihr bin ich unsterblich, nicht meine Ehrsucht, mein Besitz, mein Körper, mein Name leben fort auf dieser Erde; allein die Liebe, die ich empfangen und die ich weitergegeben habe, sie bedeutet Leben, wo vorher keines war, Licht wo Dunkel war. Wer bereit ist, sich zu verlieren, schafft neues Leben. In der selbstlosen Liebe, die ich schenke, geht das Leben weiter. In dieser Liebe liegt Unsterblichkeit schon hier auf Erden.
- Pause -
Auf mich wartet eine neue, eine endgültige Heimat. Heimwärts zum Vater geht mein Weg, in ihm bin ich geborgen – unendlich geborgen. In ihm lebe und liebe ich weiter, in ihm schenke ich meine Liebe weiter allen Menschen auf der Erde, die mich um Hilfe bitten. Mein Wesen ist geblieben, meine Wirkkraft verhundertfacht. Ich bin frei, denn Du hast mich erlöst von allem Engen, Verschlossenen, Nichtliebenkönnen. Vater, ich danke Dir – ich danke Dir für die Liebeskraft, die ich auf dem Erdenweg in vielen Prüfungen sammeln durfte und die nun in Dir verhundertfacht ist.
Amen
